Christina von Schweden – Minerva des Nordens?

Die mythologischen Überlieferungen wollen es so. Die römische Göttin Minerva gilt als die Patronin der Künste und des Handwerklichen, worunter dereinst auch Ärzte und Lehrer zählten. Warum nun jemand auf die Idee kam, Christina von Schweden (1626-1689) als die Minerva des Nordens zu bezeichnen und zu verehren, ist unklar. Jedoch: es gibt einen überlieferten Kupferstich von Jeremias Falck aus dem Jahre 1649, der eben jene allegorische Widmung als Porträt abbildet.

Freilich schuf der damals  bekannteste Kupferstecher des deutschen Nordosten bereits in jungen Jahren hauptsächlich Darstellungen von Gesichtern – und besonders gern von Frauen in allegorischen Posen. Allerdings dürften einige Gründe mehr als künstlerische Fertigkeiten und untertänige Verehrung von Herrschenden den Ausschlag gegeben haben, dass Königin Christina eben jenen aus Polen stammenden Falck 1649 an den Hof in Stockholm berief und dort als Kuperstecher ein Auskommen in Aussicht stellte.

Um es klar zu sagen: Rätselhaftes und Widersprüchliches bleibt, Historiker können nicht alles klären oder aufklären, manchmal müssen sie sich begnügen mit dem Konstatieren von Dingen, die sich scheinbar nicht vereinen lassen.

Bereits Christinas Machtübernahme war ein Paukenschlag. 1644 volljährig geworden, legte sie den Eid als Königin ab, akzeptierte jedoch nicht die Regierungsform, die der Vertraute ihres Vaters, Oxenstierna, für die Zeit ihre Minderjährigkeit verfasst hatte. Und die Eigenwilligkkeiten gingen weiter. Christina beendete den ewigen Zwist mit dem Erzrivalen, Dänemark, 1645 im Frieden von Brömsebro nach ihren Vorstellungen, nicht nach jenen des scheinbar allmächtigen Oxenstierna.

1647 bekannte sich die Monarchin zur Gleichwertigkeit aller christlichen Konfessionen; noch zu Zeiten ihres Vaters, Gustav II. Adolf, liefen Katholiken Gefahr, aufgrund eines Ediktes von 1597 hingerichtet zu werden. Prägend griff Christina in das Zustandekommen des Westfälischen Friedens ein, favorisierte die Kooperation mit Frankreich – entgegen vielen Empfehlungen in Stockholm. Und Erstaunen , um nicht zu sagen Entsetzen, machte  sich in Europa breit, als die Schweden kurz vor dem Friedensschluss die „Kunst- und Wunderkammer“ Kaiser Rudolfs von Prag nach Stockholm verfrachteten. In jenen Jahren war Christina auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Dieses Zustand nutzte sie und regelte Zukünftiges.

Ganz offenbar hatte die Enthauptung des englischen Königs 1649 beschleunigende Auswirkungen; Christine entschied sich wieder überraschend: Karl Gustav von Zweibrücken, ein Vetter, wurde zum Nachfolger ernannt, Christinas Abscheu gegen die Ehe überhaupt wurde offiziell und erste Abdankungsgerüchte machten sich breit. Damit besiegelte sie 1654 das Ende der Wasa-Dynastie in Schweden. Den Memoiren eines französischen Diplomaten verdanken wir das Wissen, Christina von Schweden stand längst der Sinn nach anderer und nichtpolitischer Betätigung. Dies konnte sie freilich nicht in einem protestantischem Land realisieren.

Christina war wissbegierig, zehn Sprachen soll sie gesprochen haben, das Französische völlig fliessend. Sie hegte offen Sympathien zu den französischen Freidenkern, korrespondierte mit Kurtisanen, gab rauschende Feste und veranstaltete provozierend-ausschweifende Balletabende.  Diese sind ein persönlicher Bezug, der es nahelegen könnte, Christina als Minerva zu bezeichnen: Es war der Hang der jungen Frau, sich mythologisch verkleidet unters Theatervolk zu mischen oder gar selbst unerkannt aufzutreten.

Was der Aufenthalt des Philosophen Rene Descartes am Stockholmer Hof bis 1650 intellektuell vorbereitet hatte, vollzog Christina 1654. Die langen Diskussionen, in denen sich alles um das Verhältnis von Körper und Seele drehte, und genau da strebte Christina Harmonie an, endeten konsequenterweise mit ihrer Konversion zum Katholizismus nebst Umzug nach Italien. Unbequehm und unangepasst blieb Christina freilich bis zu ihrem Tod. Davon kann bei anderer Gelegenheit weiter erzählt werden.

Autor(in): Peter – drpeterkiehmbeck@hotmail.se

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