Taxeringskalendern

Der Taxeringskalender - schon etwas zerfleddert und zerlesen

Der Taxeringskalender - schon etwas zerfleddert und zerlesen

Als die Bestellkarte zum ersten Mal mit der Post kam wurde sie noch achtlos weggeworfen. Ein Jahr später, als die Schwedisch-Kenntnisse herangereift waren, wurde sie ungläubig bestaunt – und dann weggeworfen. Im dritten Jahr siegte die Neugier über ökonomische Vorbehalte: ein Taxeringskalender musste her. Sollte es wirklich möglich sein, einen Katalog zu bestellen, in dem die Gehälter und Einkünfte der Schweden aufgelistet sind, für jeden frei zugänglich? Zum Preis von umgerechnet ca. 28 Euro bestellte ich also den Taxeringskalender 2012 für Jönköpings und Kronobergs län. Wenn man etwas mehr drauf legt, kann man auch alle Kataloge für ganz Schweden bestellen. Aber das schien mir dann doch übertrieben.

Und was verdient nun der Nachbar?

Zwei Wochen später lag er dann druckfrisch im Briefkasten  – und rief mir ein fröhliches „Willkommen im Land der gläsernen Menschen“ entgegen. Der Gatte prüfte unverzüglich die Gehälter der Kollegen – niemals würde man in der Frühstückspause offen über’s Gehalt sprechen, was nicht bedeutet, dass die Neugier nicht riesengroß wäre – und stellte zufrieden fest, dass die Kollegin aus der Nachbarabteilung auch nicht mehr verdient als er. Sodann wurden die Nachbarn abgecheckt. Nicht schlecht was Sven Svensson (Name von der Autorin geändert) und seine Frau zusammen verdienen. Was aber bedeutete die Zahl in der Spalte rechts daneben? Einkünfte aus Kapital? Oha, das erklärt natürlich die seit zwei Jahren andauernden regen An- und Umbautätigkeiten im Nachbarshaus. Und genau dies ist einer der Hauptgründe, mit dem auf der Website www.taxeringskalender.com für den Kauf des Katalogs geworben wird: „Du kanske har undrat hur grannen har råd med sin porsche? – Hast du dich schon einmal gefragt, wieso sich dein Nachbar einen Porsche leisten kann?“

Neben diesen etwas niederen Beweggründen gibt es aber auch noch andere Argumente, sich den Taxeringskalender anzuschaffen. So kann man beispielsweise einen Blick auf die mögliche Zahlungsfähigkeit  derer werfen, mit denen man Geschäfte machen will, was allerdings im Hinblick auf die Aktualität des Kalenders von fragwürdigem Nutzen ist. Oder man nutzt die Angaben von Personen mit dem gleichen Job für anstehende Gehaltsverhandlungen. Sicher ließen sich noch weitere Gründe finden. Ich gebe zu, mich hat die Neugier umgetrieben – vor allem die Neugier darauf, ob es dieses sagenumwobene Buch wirklich gibt, in dem man schwarz auf weiß nachlesen kann, was andere Steuerzahler so verdienen.

Die Top 100

Der Taxeringskalender bietet daneben Informationen zu durchschnittlichen Einkommen in den jeweiligen Kommunen, getrennt nach Männern und Frauen. Und es zeigt sich, dass auch im sonst sehr gleichberechtigten Schweden die Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als die Männer. Um den Neidfaktor zu erhöhen findet sich auf Seite 16 die Liste der Top-100-Verdiener Schwedens und für jede Kommune werden ebenfalls die Top 100 aufgelistet. Aber nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen sind mit ihrem veranlagten Einkommen aufgeführt. Interessant, wenn auch nebensächlich, ist die Sortierreihenfolge. Zunächst wird alphabetisch nach dem Nachnamen sortiert – soweit so üblich. Bei Menschen gleichen Nachnamens – in Schweden nichts Ungewöhnliches – wird danach nicht nach dem Vornamen, sondern alphabetisch nach der Straße weiter sortiert.

Bei alledem darf man nicht außer Acht lassen, dass die Angaben nicht überaus aktuell sind. Der Verlag erhält die Daten von der Finanzbehörde, die wiederum gibt die Einkunftsinformationen aus den Steuererklärungen für das zurückliegende Jahr heraus. Der Taxeringskalender 2012 enthält somit die Einkünfte der Schweden von 2010. Lohnerhöhungen oder Jobwechsel in den letzten beiden Jahren werden also nicht berücksichtigt.

Ob man als Privatperson einen solchen Katalog braucht sei dahingestellt. Und die Frage nach dem Datenschutz sollte man besser nicht stellen. Transparenz hat jedoch in Schweden eine jahrzehntelange Tradition, dies entspricht dem Öffentlichkeitsprinzip und die Angaben über das Einkommen gehören da einfach dazu. Spitzenpolitiker oder Promis sind hiervon nicht ausgenommen. Fakt ist: ohne Nachfrage gäbe es auch kein Angebot. Und immerhin gibt es den Taxeringskalender bereits seit 1903.

Autor(in): Angelika – angelika@schulze-uebersetzungen.eu

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