Håkan Nesser stellt sein Werk „Die Perspektive des Gärtners vor“

Håkan Nesser zählt neben Henning Mankell zu den beliebtesten und erfolgreichsten schwedischen Bestsellerautoren. Im Frühjahr 2011 kam er nach München in den Gasteig zu einer Autorenlesung. Ich nehme an dem Abend teil, bin frühzeitig da und schaffe es mir den vordersten Sitzreihen einen Platz zu erobern. Der Raum, die sogenannte „Blackbox“ ist wie eine Art kleinerer Bühnenraum mit aufsteigenden Sitzreihen an drei Seiten aber komplett ohne Fenster. Da der Zuschauerraum bis auf den letzten Platz belegt ist, wird es mitunter ganz schön stickig. Zeitweilig wird mir deshalb ein bisschen schwindelig. Auf der kleinen Bühne, die mit Scheinwerfern bestrahlt ist und in der ersten Reihe sitzen die Moderatoren und Veranstalter des Abends und besprechen sich kurz noch. Einer von ihnen, ein großer, schlanker Mann in einem dunklen Rollkragenpulli, das ist Håkan Nesser.

Zu Beginn seines Teils des Abends wendet er sich erstmal an alle: „Ungefähr ein Drittel des Abends wird jeweils in Englisch, in Deutsch und in Schwedisch abgehalten. Darf ich zuerst mal fragen: Wer der Anwesenden hier spricht und versteht den überhaupt Schwedisch?“ Gut drei viertel des Publikums im Saal hebt wie auf Kommando die Hand. Der sonst so kontrolliert wirkende Nesser, der gerade einen Arm gehoben hatte, um das Gesagte zu unterstreichen, verharrt einen Moment in seiner Bewegung mit einem baffen Gesichtsausdruck. Ich muss grinsen. Damit hat er jetzt nicht gerechnet. Und es stimmt tatsächlich. Der Abend wurde unter anderem von der Volkshochschule München organisiert, viele Teilnehmer des Abends lernen in ihrer Freizeit Schwedisch. Nesser zeigt sich denn auch beeindruckt von dem starken Interesse der Deutschen an der schwedischen Sprache und Literatur: „In Deutschland sind meine Lesungen immer gut besucht.“ Er habe einmal recht kurzfristig innerhalb der Woche in einer deutschen Stadt eine Lesung abgehalten. „Ich dachte mir, es ist Donnerstagabend, wer wird da schon kommen.“ Aber selbst diese Lesung war proppenvoll mit Zuhörern.

Nesser sitzt an einem Tisch auf der kleinen Bühne, neben ihm seine deutsche Übersetzerin Christel Hildebrandt. Er liest Ausschnitte seiner Werke im schwedischen Original vor, dann liest Hildebrandt die deutsche Übersetzung. Er hat eine tiefe, angenehme Stimme, die vor allem beim Vorlesen gut zur Geltung kommt. Er schafft es sofort, die Spannung seiner Geschichte zu transportieren, jedesmal, wenn er liest, ist es mucksmäuschenstill im Saal. „Wir kamen nach New York mit vollen Koffern und leeren Herzen….“, so beginnt sein bisher letzter Roman „Die Perspektive des Gärtners“, indem es um ein Ehepaar geht, das nach dem Verschwinden seiner Tochter nach Amerika auswandert, um dort ein neues Leben anzufangen und dann von der Vergangenheit eingeholt wird.

Ich war schon einmal auf einer Autorenlesung von Håkan Nesser und muss sagen, mit ihm ist es immer ein Erlebnis. Das liegt vor allem an seiner unkomplizierten Art, die Leute sofort für sich einzunehmen und eine Verbindung zu seinem Publikum herzustellen. Er wirkt so überhaupt nicht beeindruckt von dem Rummel um seine Person. Zudem hat er dieselbe trocken-humorvolle Art zu reden, wie er schreibt. Sein Roman, „Die Perspektive des Gärtners“ ist weniger ein Kriminalroman im klassischen Sinne, es geht nicht um die konkrete Suche nach einem Mörder. Es handelt sich vielmehr um einen Thriller, es geht um die Aufdeckung eines schrecklichen Geheimnisses aus der Vergangenheit der Ehefrau des Protagonisten. Hat sie am Ende selber etwas mit dem Verschwinden der gemeinsamen Tochter zu tun? Die Bedrohung ist existentieller, der Roman ist insgesamt sehr düster und beklemmend. Oder wie Nesser es zusammenfasst: „If you want to be happy, don´t read this book!“

Er liest auch Abschnitte aus seinen anderen Werken vor. Zum Beispiel „Kim Novak badete nie im See Genezareth“. Bei diesem Werk, so berichtet er, sei das Interesse der Leser besonders groß gewesen. Unter anderem wohl deshalb, weil das Geheimnis um den Mörder der weiblichen Hauptfigur nicht gelüftet wird. Stattdessen versprach Nesser, zehn Jahre nach Erscheinen dieses Werkes einen zweiten, kleineren Band zu veröffentlichen, indem das Rätsel um den wahren Mörder endlich enthüllt wird. Der Bestsellerautor berichtet von einer Lesung, die er vor ein paar Jahren abgehalten hatte und bei der er seine Leser auf das Erscheinen dieses Bandes vertröstet hatte. Damals war bei dieser Gelegenheit einer der Zuhörer, ein älterer Herr in der letzten Reihe aufgestanden und hatte geflucht: „Was, ich soll da jetzt noch zehn Jahre auf die Antwort warten? Ich bin alt, verdammt noch Mal, bis dahin werde ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben sein!“ Nesser warf einen prüfenden Blick quer durch den Raum auf seinen Gesprächspartner und kam zu der Erkenntnis: „Nein, das werden Sie vermutlich nicht!“ Alle im Saal lachen. „Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich gebe Ihnen meine Handynummer, und wenn Sie merken, dass es mit Ihnen zu Ende geht, dann rufen sie mich noch schnell an, bevor Sie sterben, ich verrate Ihnen dann den Mörder.“

Nesser hat schon unzählige Lesungen und Autogrammstunden hinter sich, das merkt man. Er geht sehr professionell und routiniert vor. Nach der Lesung beantwortet er noch Fragen. Er hört jedem Fragesteller aufmerksam zu und nimmt sich dann Zeit, ausführlich zu antworten.

Als die Leute nach der Lesung und der anschließenden Diskussion mit Fragerunde schließlich den Saal verlassen, ist der Abend noch lange nicht vorbei. Im Foyer sitzt der Schriftsteller an einem Tisch und signiert Bücher. Immer wieder leuchten Blitzlichter von Kameras auf, das Foyer ist von Stimmengewirr erfüllt. Die Schlange der wartenden Menschen ist schon ein paar Meter lang. Viele haben extra zu diesem Zweck ihre eigenen Ausgaben mitgebracht. Und natürlich ist es damit noch nicht getan. Wenn man schon mal die Gelegenheit hat, seinem Lieblingsautor persönlich zu begegnen, nutzt man die Chance auch gleich noch, um einmal kurz mit ihm ins Gespräch zu kommen, ihm eine Frage zu stellen, die man sich vorhin vor versammelter Mannschaft vielleicht nicht getraut hatte zu stellen, ein Foto von sich selber und ihm darauf zu machen, seine Sprachkenntnisse aus zu testen, mit ihm auf schwedisch zu plaudern… Das kann dauern. Aber der Schwede lässt auch all dies mit einer Engelsgeduld über sich ergehen. Das gehört eben zum Alltag eines Bestsellerautors.

 

 

 

 

Autor(in): Beate – b.scherberich@gmx.net

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