Design Made in Småland – Das Bruno Mathsson Center in Värnamo

Die Nachmittagssonne scheint durch die Glaswände auf Spanngurte, gebogenes Holz und Fellbezüge. Eva, Mia, Milton und Paris bitten mich, Platz zu nehmen und die Aussicht zu genießen. Möbel in hellen Farben aus natürlichen Materialien stehen in großen, luftigen Räumen – die Ausstellung im Bruno Mathsson Center in Värnamo lädt zum Wohnen ein. Ein Nachmittag auf den Spuren eines der berühmtesten Architekten und Möbeldesigner Schwedens.

Traditionelle Wurzeln

„Wir beginnen am besten chronologisch, hier draußen“, beginnt die Mitarbeiterin von Visit Värnamo, dem örtlichen Tourismuszentrum, ihre Führung. In dem großen weißen Holzhaus in der Tånnögatan ist Bruno Mathsson (1907-1988) aufgewachsen, hier hat er bei seinen Eltern gelebt, bis er schon über Dreißig war. Das klingt nach einem bequemen Nesthocker. Oder nach jemandem, der ausharren kann, bis er das Richtige findet. In diesem Fall war das seine Frau Karin, die er 1942 traf und ein Jahr später heiratete. Keine halben Sachen, das passt zu Bruno Mathsson.

„Bruno war ein desinteressierter Schüler“, beschreibt Dag Widman in seiner Biographie den jungen Mann, „ er saß nur da und zeichnete.“ Also verließ Bruno mit 16 Jahren die Schule und arbeitete in der Schreinerei seines Vaters. „Karl Mathsson, Möbelsnickeri“, steht es blau auf dem weißen Emailleschild. Er setzte die Familientradition fort, als Schreiner in der fünften Generation. Doch Bruno faszinierte nicht nur das alte Handwerk, sondern vor allem die Möglichkeit, damit etwas Neues zu erschaffen. Neugierig verschlang er aktuelle Fachzeitschriften und Bücher über Design und Holzverarbeitung. 1930 stellte er seinen ersten eigenen Entwurf aus und gewann damit ein Stipendium für den Besuch der Stockholmmesse – die ihn inspirierte und motivierte: „(Die Ausstellung) befreite mich vom Stildenken – und gab mir einen Einblick davon, dass es etwas Neues gab (…). Dort wurden Architektur, Einrichtung und Möbelkunst zu einer Einheit.“ (Bruno Mathsson in der Biographie von Dag Widman)

Die Kunst des Sitzens

„Bequemes Sitzen ist eine Kunst, was es nicht sein sollte. Stattdessen soll die Fertigung von Sitzmöbeln mit solcher „Kunst“ geschehen, dass es keine „Kunst“ ist, in ihnen zu sitzen“, verlangte Bruno Mathsson. Sein Leben lang beschäftigte ihn die Frage, wie der Mensch am Besten sitzt. Dazu experimentierte er mit verschiedenen Werkstoffen und Formen. Das erste sichtbare Ergebnis war „Gräshoppan“, ein Stuhl, den Mathsson 1931 für das Krankenhaus in Värnamo entwarf. Leider fand das Personal den „Grashüpfer“ so scheußlich, dass es ihn auf den Speicher verbannte. Damals hatte man noch nicht viel übrig für Sattelgurtgeflecht und Beine aus Bugholz, die in die Armlehnen übergingen, sondern wollte Polstermöbel. Für Bruno Mathsson dagegen war es wichtiger, dass die Sitzkurve richtig berechnet war. „Er studierte sogar die Abdrücke, die man beim Sitzen im Schnee hinterlässt“, erfahre ich, während wir uns Bruno Mathssons Atelier nähern, das im Garten hinter dem Haus steht.

Es ist ein einziger Raum mit Oberlicht und einer Glasfront. Darin steht Brunos Zeichentisch, und davor der Arbeitsstuhl „Eva“, dessen erste Version 1934 entstand – charakteristisch mit einer Sitzfläche aus geflochtenen Sattelgurten und Beinen aus gebogenem Schichtholz. Flexibel und stabil zugleich sollten seine Stühle sein, und die Form der Wirbelsäule unterstützen, das erkennt man schon an den ersten Modellen Mathssons. Später nannte man das ergonomisches Design.

Natürlich kreativ – und ein bißchen anders

Fast spartanisch, aber freundlich wirkt das Atelier von Bruno Mathsson. Hier saß ein Designer, der sich auf das Wesentliche konzentrierte, und dazu brauchte er nur viel Licht, Ruhe und die Natur in Sichtweite. Rechts von der Tür steht eine lederne Golftasche, als habe Mathsson sie gerade abgestellt. Er wird als kränklich und verhätschelt beschrieben, später spielte er Golf, um in Form zu blieben. Kaffee lehnte er ab, stattdessen steckte er ein Stange Polkagris (Zuckerstange, Anm. der Autorin) in ein Glas mit warmem Wasser und trank diese Limonade. Und das in einem Land, dessen Bewohner heute den vierthöchsten Kaffeekonsum der Welt haben.

Neben dem Atelier, nicht etwa darin: Ein Bett. „Bruno Mathsson hat von Mai bis November draußen geschlafen. Dazu hat er ein Bett entwickelt, das er mit warmem Wasser beheizen konnte“, beschreibt die Mitarbeiterin von Visit Värnamo die Konstruktion. Das Prinzip Wärmflasche also ermöglichte Bruno Mathsson sogar nachts die Nähe zur Natur. Er empfahl auch tagsüber ein Nickerchen und ruhte am liebsten auf einem eigenen Werk: Dem Tagesbett, das nach der Weltausstellung 1937 in Paris den Namen der französischen Hauptstadt erhielt. Dort stellte Mathsson im schwedischen Pavillon einige seiner Möbel aus.

Internationaler Erfolg

Die Weltausstellung in Paris brachte Bruno Mathsson erste internationale Bestellungen. Der renommierteste Auftraggeber war das Museum of Modern Art in New York, das 1939 Arbeitsstühle bei ihm bestellte. Mathsson war Teil der „Schwedischen Moderne“, die seit den 30er Jahren entstand und zuerst in Europa und dann in den USA immer mehr Anhänger fand. Der neue, kühlere und leichtere Einrichtungsstil ist bis heute für viele charakteristisch für schwedisches Möbeldesign. Der Zweite Weltkrieg unterbrach Bruno Mathssons Expansion für eine Weile. Danach setzte sich die Erfolgsgeschichte fort, und seine Möbel wurden zu dem, was man heute Einrichtungsklassiker nennt. Die Stühle „Pernilla“, „Mia“ und „Milton“ findet man überall auf der Welt wieder. Museen in der ganzen Welt haben Bruno Mathsson immer wieder Ausstellungen gewidmet, zuletzt gab es 2007 – er wäre am 13. Januar 100 Jahre alt geworden – unter anderem Ausstellungen in Stockholm und in Manhattan.

Glashäuser

Bruno Mathsson, der gelernte Schreiner, beschränkte sich nicht auf Möbel und Inneneinrichtung. Schon in den 30er Jahren las er auch Fachzeitschriften über Architektur. Die Einheit von Inneneinrichtung und Gebäude faszinierte ihn, und die Berichte über Walter Gropius (1883-1969) und Alexander Klein (1879-1961) weckten sein Interesse für die neuen Richtungen der Architektur. Parallel zur Entwicklung eines neuen Möbelgeschmacks kursierten Entwürfe über die moderne Art, zu wohnen: Helle, großzügige Räume, angepasst an die Bedürfnisse der Menschen, sollten zukünftig dominieren.

Bruno Mathsson reiste, immer auf der Suche nach Inspirationen, nach dem Ende des Krieges in die USA und traf dort Architekten und Designer wie Walter Gropius, Charles und Ray Eames und Marcel Breuer. Er hatte schon in den 40er Jahren damit begonnen, Häuser zu entwerfen, und setzte dies nach seiner Rückkehr fort. Die Ausstellungshalle in Värnamo ist ein Bruno-Mathsson-Original: Wie in seinen anderen Glashäusern dominieren die riesigen Glasflächen. Die Wände haben keine Fenster, sie sind die Fenster. In den hellen, großen Räumen stehen Stühle, Ruhesessel, Sitzgruppen, Tische. Hier zeigt die Bruno Mathsson International AB ihre Kollektion, und die Modelle der ersten Entwürfe Bruno Mathssons.

Die Schauräume laden zum Wohnen ein, und man möchte sich in einen Sessel setzen und in den Garten schauen. Der raspelkurze Rasen beginnt gleich neben dem Zeitschriftenständer, das Haus scheint mitten im Grünen zu stehen. Bruno Mathssons Idee war es, den Wohnraum mit der Natur zu verbinden, eine Einheit zu schaffen zwischen Wohnung und Garten. Seine Glashäuser hatten eine Wand aus Ziegeln und drei aus Glas, und teilweise Oberlichter, um möglichst viel Licht in die Wohnräume zu lassen. Dafür entwickelte er extra eine dreischichtige Glasverbindung, die Wärme speichert und isoliert, das „Brunopane“.

Für seine Glashäuser erhielt Bruno Mathsson aber nicht nur Anerkennung. Immer wieder stieß er auf den Widerstand der Baubehörden und Nachbarn. Nicht jedermann gefiel wohl die Aussicht, solche Einblicke in das Leben des Nachbarn zu bekommen. Für seine Frau und sich baute Mathsson unter anderem 1978 eines in Portugal.

Typisch småländisch

Bruno Mathsson wird oft als unbeirrbar, stur beschrieben; er schien seine Ideen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Auf der Suche nach aktuellen Fachzeitschriften fragte er in den 20er Jahren beim Röhsska Museum in Göteborg nach, und bekam eine Absage, denn die Museumsbibliothek stand Privatpersonen nicht zur Verfügung. Also organisierte Mathsson die Ausleihe über die Bücherei in Värnamo – und konnte alles bestellen, was er wollte. Ist so etwas typisch für Småland oder nur ein hartnäckiges Klischee?
Ich frage die Småländerin, die mich durch das Bruno Mathsson Center geführt hat. „Naja“, lächelt sie, „hier in Småland gab es eben nicht immer das, was wir wollten – so haben wir uns unsere eigenen Wege gesucht, um es zu bekommen.“ Bruno Mathsson war in vielem, was tat, Autodidakt. In einem Interview sagte er 1940 gegenüber dem Svenska Dagbladet: „Ich schäme mich nicht, zu sagen, dass ich vollständiger Autodidakt bin, keine höhere Schulbildung habe als die, die ich in der Mittelschule in Värnamo bekommen habe (…). Aber wenigstens kann ich etwas, was die meisten Möbelbauer nicht gelernt haben: Das Schreinerhandwerk.“

Von Judith Hammer, Stuttgart (Anmerkung: Alle Zitate im Text wurden von der Verfasserin frei übersetzt.)
Literatur: „Bruno Mathsson“, Dag Widman/Karin Winter/Nina Stritzler-Levine, Bokförlaget Arena, Malmö. 2006

Weiterführende Links;

(Autor: Judith Hammer)
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