Vätternrundan

Wer an einem bestimmten Freitagabend im Juni durch Motala spaziert, bleibt möglicherweise irgendwann verwundert stehen und lauscht den seltsamen Klick-Geräuschen, die unvermittelt an sein Ohr gelangen. Und da ist es schon wieder und hört jetzt gar nicht mehr auf. Klickklick, Klick…

Neugierig geworden begibt man sich natürlich in die Richtung des vermeintlichen Ursprungs dieser Geräusche, dem Hafen von Motala.

Auf dem Weg dorthin fällt dann auch auf, dass die Straßen relativ leer und ruhig sind und kaum Autos unterwegs sind. Dann mischt sich ein immer lauter werdendes Sirren unter die Klick-Geräusche und plötzlich rauschen etwa sechzig bis siebzig RadfahrerInnen an einem vorbei. Gerade noch rechtzeitig erreicht man die rettende Bordsteinkante…

Am Hafen angekommen hat man dann das Gefühl, zu einer riesengroßen Party eingeladen zu sein. Musik, Ansagen, Applaus und geschätzte tausende weitere RadfahrerInnen sind dort  zu sehen und zu hören.

Tour de France in Schweden? Nein! Die Vätternrundan ist gestartet worden!

Die Vätternrundan (Vätternsee-Rundfahrt) mit einer Länge von 300 Km wurde 1966 zum ersten Mal gestartet. Damals waren 344 Fahrer am Start. Mittlerweile stieg die Anzahl der Startplätze auf weit über 20.000 Radfahrer. Die Vätternrundan ist damit die grösste Jedermann-Radsport-Veranstaltung Europas. Nicht aufgrund ihrer Länge, da gibt es selbst in Deutschland längere Rundfahrten, sondern aufgrund der Teilnehmerzahl.

Eine Woche vor der grossen Rundfahrt gibt es zwei kleinere Rundfahrten, 150 km Halvvättern und die 100 km Tjejvättern. Zählt man die Teilnehmer an diesen kleineren Rundfahrten noch dazu, kommt man auf etwa 35.000 RadfahrerInnen insgesamt.

Viele Teilnehmer der grossen Rundfahrt nutzen eine der kleineren Veranstaltungen als Vorbereitung.

Start zur Vätternrundan ist jedes Jahr im Juni. Um einen der Startplätze zu ergattern, empfiehlt sich rechtzeitiges Anmelden. Wie man sich vorstellen kann, sind zu dieser Zeit freie Unterkünfte und Stellplätze auf Campingplätzen rund um den Vättern sehr rar. Die Schweden sind sehr geschäftstüchtig, daher werden die Preise für die Unterkünfte zu dieser Zeit regelmäßig „angepasst“. Zudem ist eine Woche später auch noch „Midsommar“.

Startort für die Vätternrundan ist der Hafen von Motala. Ab etwa 19.00 Uhr werden die Teilnehmer in Gruppen im 2-Minuten-Takt auf die 300 Km lange Strecke geschickt. Man darf gerne darüber diskutieren, ob die Vätternrundan nun ein Radrennen oder eine Rundfahrt ist. Teilnehmen darf jedenfalls jeder, der sich fit genug für diese Veranstaltung fühlt. Was Profis nicht davon abhält, ebenfalls teilzunehmen.

Die Fahrräder müssen mit einer funktionierenden Beleuchtung ausgestattet sein und es besteht selbstverständlich Helmpflicht. Beides wird vor dem Start kontrolliert.

Das Zeitlimit liegt bei 28 Stunden. Innerhalb dieser Zeitspanne sollte jeder die Vätternrundan beenden, sonst wird er vom so genannten „Besenwagen“ eingesammelt. Dies ist zwar nicht unbedingt schön, aber auch keine Schmach, denn längst nicht Jeder beendet die Rundfahrt auch. Die „Ausfallrate“ liegt bei etwa zehn Prozent.

Nur einmal am Rande erwähnt: Die Rekordzeit aus 2015 für die 300 Km liegt bei 6.33 Stunden…

Nach dem Start in Motala fährt man im Uhrzeigersinn um den Vätternsee. Neun Kontroll- und Verpflegungspunkte, neben Start und Ziel, sind rund um den Vättern in relativ regelmässigen Abständen voneinander zu passieren. Nach mehr als fünfzig Mal Vätternrundan sind die Veranstalter natürlich sehr gut organisiert. Die Strecke ist sehr gut markiert, ebenfalls eventuelle Gefahrenpunkte. Man darf nicht vergessen, dass die Straßen während der Veranstaltung nicht abgesperrt sind. Sollte es doch einmal Streckenpunkte geben, an denen der weitere Verlauf unklar sein könnte, sind dort Streckenposten platziert, die den FahrerInnen den rechten Weg weisen.

Auf den 300 Km der Vätternrundan sind etwa 1.500 Höhenmeter zu bewältigen. Für einen routinierten Radsportler also kein Problem. Es gibt nur wenige „knackige“ Anstiege, die aber nicht sehr lang sind. Und nach jedem Anstieg folgt irgend wann ja auch die Abfahrt.

Auch wenn der Eine oder Andere sie kaum wahrnehmen wird, die Route führt durch eine wunderschöne Landschaft. Aber selbst wenn eine maximale Fahrzeit von 28 Stunden sehr gemütlich klingen mag, so hat man als Teilnehmer an der Vätternrundan doch nicht wirklich Zeit für Sightseeing. Vielleicht nutzt man die Möglichkeit, sich die Ufer des Vättern genauer zu erschließen, in dem man etwas früher an- oder später abreist. Nach Erreichen des Ziels in Motala ist man ohnehin verpflichtet, sich mindestens sechs Stunden auszuruhen, bevor man ein Kraftfahrzeug bewegt. Oder man nutzt eines der mittlerweile recht häufigen Pauschalangebote, die einen mitsamt Fahrgerät per Bus an den Ort des Geschehens bringen.

Wem die 300 Km der Vätternrundan noch nicht Herausforderung genug sind, dem sei „En Svensk Klassiker“ empfohlen. Der kombiniert Skilanglauf (90 Km Vasaloppet), Radfahren (300 Km Vätternrundan), Schwimmen (3 Km Vansbrosimningen) und Crosslaufen (30 Km Lidingöloppet) miteinander.

Beendet man alle vier Veranstaltungen innerhalb von zwölf Monaten, erhält man das „Klassikerdiplom“

Also worauf wartet ihr noch? Lycka till!

Übrigens: Das Anfangs erwähnte Klicken ist das Geräusch, wenn die RadfahrerInnen sich mit ihren Schuhen in die Pedale „einklicken“. Nur als Info für die Leser, die sonst wenig mit Radsport in Berührung kommen.

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