Sprachpflege in Schweden

Für 90 Prozent der Schweden ist Schwedisch die Muttersprache. Die Stellung des Schwedischen als National- oder Standardsprache ist im Allgemeinen nicht durch Gesetze geschützt, da ihre Bedeutung als offizielle Sprache bisher nie ange­zweifelt wurde. Dennoch ist die Sprache – wie jede Sprache – Veränderungen und äußeren Einflüssen ausgesetzt, denen man in Schweden durch eine konstruktive und liberale Sprachpolitik begegnet.

Schwedisch ist eine der weltweit ca. 50 gut etablierten Sprachen und wird bis auf weni­ge Ausnahmen auf einem zusammenhängenden Territorium gesprochen. Die Sprache hat eine lange Schriftsprachentradition, da sie sich ähnlich wie in den Ländern Zentraleuropas schon seit Beginn der frühen Neuzeit zur Nationalsprache entwickelt hat.

Die Schweden und die englische Sprache
Eine Untersuchung im Auftrag des Nordiska Ministerrådet zeigt, dass viele Schweden die Bedeutung, die das Englische in anderen europäischen – nicht englischsprachigen – Ländern spielt, überschätzen. Außerdem schätzt ein großer Teil der schwedischen Bevölkerung seine Englischkenntnisse besser ein, als sie tatsächliche sind. Zwar könnten 75 Prozent der Schweden relativ sicher ein Alltagsgespräch auf Englisch führen, nicht jedoch Gespräche, die ein hohes Maß an kognitiven Gedankengängen erforderten. Doch auch in Schweden ist Englisch bereits die wichtigste Publikations- und Geschäftssprache in der Wissenschaft und Wirtschaft.

Die Konsequenzen für schwedische Sprachpolitik
Im Dezember 2005 schrieb der Schwedische Reichstag vier Ziele für die Sprachpolitik fest:

  • Svenska ska vara huvudspråket i Sverige
  • Svenskan ska vara ett komplett och samhällsbärande språk
  • Den offentliga svenskan ska vara vårdad, enkel och begriplig
  • Alla ska ha rätt till språk: att utveckla och tillägna sig svenska språket, att utveckla och bruka det egna modersmålet ich nationella minoritetsspråket och att få möjlighet att lära sig främmande språk.

Die schwedische Sprachpflegepraxis
Die Pflege der Alltagssprache ist ausdrücklich den nicht- oder halbstaatlichen Institutionen, wie Svenska Akademien, Svenska Språkrådet (früher Svenska Språknämnden) oder Terminologiegruppen, unterstellt. Die Sprachpflege umfasst folgende Aufgaben:
1. korpusarbete (Korpuspflege)
2. status- och inlärningsarbete (Status- und Bildungsarbeit)
3. rådgivning, information och upplysning (Sprachberatung, Information und Auskunft)
4. terminologieverksamhet (Terminologiepflege)
5. språkbanksverksamhet
6. språkteknologi (Sprachtechnologie)
7. myndighetsspråkvård (Sprachpflege in den Behörden)
8. uppföljning och utvärdering (Evaluation der Sprachpflegemaßnahmen)
9. interskandinavische Sprachpflege

Tatsächlicher Sprachgebrauch vs. Normierungszwang
Svenska Akademien arbeitet nach folgenden Prinzipien: 1. Wie sieht der Sprachgebrauch tatsächlich aus? und 2. Wie sollte der Sprachgebrauch aussehen? Sie nimmt für sich also nicht in Anspruch, eine absolut normverfassende Institution zu sein. Im Gegenteil: Sie bewertet den aktiven Sprachgebrauch höher als das Normierungsbestreben.
Die Akademie arbeitet am schwedischen Wortschatz (Korpuspflege). Dazu gehört u.a. die Pflege der Standardsprache durch Normierung, Standardisierung und Regelung der Orthographie, die Flexion und die Syntax. Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Schaffung neuer Ausdrücke für neue Erscheinungen und Begriffe. Maßgebend ist hier das Glossar Svenska Akadamiens ordlista (SAOL).

Spezielle språkkonsulter beraten Behörden, Organisationen und Unternehmen im Gebrauch der schwedischen Sprache. So beschäftigen Sveriges Radio, Utbildningsradio und Sveriges Television zwei Sprachpflegebeauftragte, die sich mit den Journalisten über Sprachrichtigkeitsfragen auseinandersetzen und beispielsweise durch die Verleihung eines Sprachpreises, der den besten Sprachgebrauch würdigt, zu einem verbesserten Umgang mit der Sprache anregen wollen.

Sprachberatung
Die Sprachberatung wird hauptsächlich durch Svenska Språkrådet, aber auch seitens Svenska Akademien, Terminologicentrum TNC und einigen kleineren speziellen Arbeitsgruppen (z. B.: durch Klarspråksgruppen, die Empfehlungen für Schreibregeln an Behörden weitergibt) durchgeführt und richtet sich an die interessierte Allgemeinheit, Behörden und Organisationen. Die Sprachanfragen werden vor allen Dingen per Telefon oder E-Mail von wissenschaftlichen Sprachberatern beantwortet, wobei sich die Antworten teilweise aus Erklärungen anhand von Wörterbüchern oder nach Kenntnisstand aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und teilweise aus kommentierten Empfehlungen, die vorgeschlagene Termini nicht nur erklären, sondern auch Stellung zu neuen Begriffen oder Formulierungen beziehen, zusammensetzen.

Die Sprachberatung des Svenska Språkrådet ist zweigeteilt. Zum einen leistet der Sprachpflegerat aktive Sprachberatung, indem er täglich ca. 50 Sprachanfragen zu Problemen des Stils, der Orthographie, Flexion, der Wortbildung, Syntax u.s.w. beantwortet. Ein besonderer Fragenkomplex gilt den englischsprachigen Termini und deren Übersetzung. Svenska Språkrådet rät hierbei in der Regel zum Ersatz durch ein schwedisches Wort, um eine größtmögliche Verständigung zu gewährleisten. Dies ist jedoch keine puristische Grundhaltung, da bereits im Sprachbewusstsein etablierte Termini ausländischer Herkunft im gegebenen Falle ebenfalls zum Gebrauch empfohlen werden. So sieht Svenska Språkrådet beispielsweise die Einführung des schwedischen Wortes utspärr (Aussperrung) für lockout nicht als sinnvoll an, da der englische Ausdruck bereits zu fest im schwedischen Wortschatz verankert ist. Zum anderen wendet er sich mit der Zeitschrift Språkvård oder Kursen und Seminaren, deren Themen beispielsweise das moderne Schwedisch, die Sprache der Behörden oder des öffentlichen Gemeinwesens behandeln, direkt an die Sprachnutzer.

Terminologiepflege
Neben Svenska Datatermgruppen, die Empfehlungen für aktuelle Computerterminologien herausgibt, arbeiten weiterhin Svenska biotermgruppen (die Biologieterminologiegruppe), Kommittén för medicinsk språkvård (das Komitee für medizinische Sprachpflege) und Matematikterminologiegruppen (die Mathematikterminologiegruppe) an der Erschaffung neuer Terminologien.

Kennzeichnend für die schwedische Sprachpflege ist eine liberale Grundeinstellung. Jedoch stellen die Sprachpfleger auch fest, dass die Computer- und Internetterminologie negative Auswirkungen auf die Allgemeinsprache hat. Aus diesem Grund wollen sie die englische Computerterminologie kanalisieren, „för att […] inte […] drunkna i den strida ström av amerikanska dataord som flyter in [till Sverige].”

Schwedische Computertermini sind zum großen Teil Lehnwörter, die in Schreibung und Flexion an das Schwedische angepasst werden (engl. router = schwed. routern (Sing.), routrar (Plur.)) oder Lehnübersetzungen (engl. mouse = schwed. mus). Ein weiterer Teil der Ausdrücke gelangt durch direkte Übernahme in das schwedische Sprachsystem, wobei beispielsweise die Beibehaltung des englischen Plural-s Schwierigkeiten bereitet. Um diese Entwicklungen zielgerichtet zu beeinflussen, arbeitet Svenska Datatermgruppen bei der Integration der Fachwörter nach folgenden Prinzipien:

1. Gebrauch schwedischer Wörter:
a) Empfehlung eines schon vorhandenen schwedischen Wortes, da ein Wort, das bereits im Gebrauch ist, die besten Aussichten hat, als Fachausdruck angenommen zu werden (z. B.: schwed. snedstreck = engl. slash).
b) Schaffung eines schwedischen Begriffes falls kein adäquater Ausdruck vorhanden ist. Hierbei steht die Wahl zwischen Lehnübersetzung (schwed. bläckstråleskrivare = engl. inkjet printer) und Lehnübertragung (schwed. säkerhetskopia = engl. back-up).

2. Übernahme des Fremdwortes durch Anpassung an das schwedische Sprachsystem:
a) Übernahme und Anpassung des fremdsprachlichen Substantivs durch Angleichung der Genusform und der Flexionsendungen (schwed. server (unbest. Sing.), servern (best. Sing.), servrar (unbest. Plur), servrarna (best. Plural)). Falls die Pluralbildung nicht möglich ist, entfällt die Pluralendung (vgl. schwed. partner).

b) Weiteres Mittel der Übertragung ins Schwedische ist die Angleichung der Schreibung (schwed. skanner für engl. scanner oder schwed. skärvär für engl. shareware).

Problematisch ist jedoch auch die konkrete Anwendung der Termini in der Schriftsprache, da Unklarheiten in Schreibung und Grammatik bestehen. So müssen Fragen, wie Präpositionen korrekt angewandt werden, wie der englische Genitivapostroph im Schwedischen gehandhabt wird, welche Interpunktionsregeln für Internetadressen gelten oder wie die Widergabe der diakritischen Zeichen å, ä und ö im Internet erfolgt, beantwortet werden.

Sprachpflege in den Behörden
Die Sprachpflege in den Behörden wird durch das Verwaltungsrecht und amtliche Verordnungen geregelt und ist hauptsächlich Aufgabe von Klarspråksgruppen in Zusammenarbeit mit der Regierungskanzlei, die in Sachen Sprachpflege den Sprachpflegebeauftragten der einzelnen Behörden übergeordnet sind. Wichtigstes Ziel der behördlichen Sprachpflege ist die Bewältigung der Probleme, die durch die Mehrsprachigkeit entstehen, da neben den Sprachen der Immigranten auch der neue Status der Minoritätssprachen zu berücksichtigen ist. Wichtigstes Motiv für die Sprachpflegebemühungen in den Behörden ist die Sicherstellung einer klaren und einfachen Kommunikation mit den Bürgern, was als Bestandteil einer funktionierenden Demokratie angesehen wird: „Begripliga texter främjar demokratien och rättsäkerheten, spara tid och pengar, ökar medborgarnas förtroende för myndigheterna och gör också arbetet effektivare och roligare.“ Aus diesem Grund arbeitet man verstärkt an der Vereinfachung von Formularen, Informationstexten, Beschlüssen und anderem schriftlichen Material. Nach der Ausarbeitung werden diese Texte häufig von Sprachpflegern auf Verständlichkeit getestet, bevor sie an die Allgemeinheit gehen.

Interskandinavische Sprachpflege
Das älteste der drei nordischen Sprachpflegeämter, Svenska språknämnden (1944), Dansk Sprognævn (Dänisches Sprachenamt, 1955) und Norsk språkråd (Norwegischer Sprachrat, 1972), legt deutlichen Wert auf die Zusammenarbeit mit den Schwesterorganisationen in Dänemark und Norwegen: „Nämnden skall verka för nordiskt samarbete på språkvårdens område i syfte att vidmakthålla och stärka den nordiska språkgemenskapen.“ Das übergeordnete Organ der skandinavischen Sprachpflegeämter, Nordiska språkrådet (Der nordische Sprachrat), koordiniert die Sprachpflegeaktivitäten der skandinavischen Länder.

Quellen:
Freese-Wagner, M.: Sprachpflege in Deutschland und Schweden. Ein Vergleich von Positionen, Programmen und Maßnahmen im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 2003.

Bland gussar och gossar. Om språksituationen i Sverige. Svenska Institutet (Hg.), Stockholm 2006.

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