Möbel für die Welt: „INGVAR!“ im Theater Malmö

"Billy, Billy, billigare..." - das vielleicht berühmteste IKEA-Produkt (Foto: Magnus Bäck; commons. wikimedia.org CC0)

Noch bis Mitte April dieses Jahres zeigt das Malmö Stadsteater in einer Wiederaufnahme „INGVAR! En musikalisk möbelsaga“ auf der Bühne des Hippodrom (Kalendegatan 12). Das Stück des in der Schweiz geborenen Komponisten Erik Gedeon (Jg. 1963) und seines schwedischen Co-Autors Klas Abrahamsson (Jg. 1969) hatte seine Uraufführung 2009 in Deutschland unter dem Titel „Das Wunder von Schweden“, und es lief und läuft auch hier weiterhin mit Erfolg. Der hat natürlich mit der Weltbekanntheit IKEAs und dem Legendenstatus seines Gründers Ingvar Kamprad zu tun, dessen Leben und Werk das Thema liefern. Mehr als der Stoff selbst aber wirkt sich wohl (auf deutschen wie auf schwedischen Bühnen) die urkomische Art seine Darbietung aus, die nicht nur die altehrwürdige Form der titelgebenden Saga auf-möbelt…

Der Begriff der Saga meinte nie eine fest umrissene literarische Gattung. Vielmehr teilen so bezeichnete Texte gewisse Gemeinsamkeiten, wie etwa eine Vorliebe für biografische Themen und die prosaische Form. Durchgängig gesungene Bühnenfassungen dagegen dürften bisher eher selten vorgekommen sein, noch dazu, wenn ein aktuelles Thema mit traditionell anmutenden nordischen Volksweisen unterlegt wird. Gattungs- und Orientierungsfragen stellen sich bei „INGVAR!“ also gerade deshalb (oder auch gerade nicht), weil hier so munter vermengt, gemischt und gespielt wird, dass es die reine Freude ist. Während die schwedische Presse meist von einem „Musical“ mit höchstem Unterhaltungswert sprach, gingen deutsche Kommentatoren bisweilen auch auf die von Gedeon und Abrahamsson betonte Spielart des „Oratoriums“ ein. Interessanterweise geht das alles gut zusammen; doch während die Bezeichnung „Musical“ keiner großen Erläuterung bedarf, scheint hier zunächst nichts unpassender als der Begriff „Oratorium“.

Das Malmö Stadsteater (Foto: Jorchr; wikimedia commons CC BY-SA 3.0)

Und doch trifft er in gewissem Sinne zu. Denn der Aufstieg des Ingvar Kamprad, der, fünfjährig, mit dem Weiterverkauf von Streichholzschachteln erste Margen erzielt und später den Traum eines „gütigen Kapitalismus“ realisieren zu können glaubt, ist vor allem eines: die Geschichte einer Passion. Der Unternehmer Ingvar erscheint wenn nicht als Heilsbringer, so doch als leidenschaftlicher Visionär eines modernen, verantwortungsbewussten Unternehmertums im Zeichen ethischer Bescheidung und „demokratischen Designs“, eines familiären Firmengeists und letztlich wohl auch des berühmten „folkhem“. Man sieht dem Energiebündel Ingvar – dessen periodische Zusammenbrüche einen Running Gag des Stücks bilden – beim Aushecken all dessen zu, was IKEA zur Marke und zum Welterfolg gemacht hat und findet jede seiner Ideen wiederum genial. Doch auch Kritik wird im Stück nicht ausgespart, etwa wenn Ingvars (später bedauertes) finanzielles Engagement für die politische Rechte, Alkoholprobleme oder eine mögliche Steuerflucht angesungen werden. Immer aber bleibt den Figuren die volle Sympathie der Zuschauer erhalten, die zu einem großen Teil natürlich auch selbst zur IKEA-Kundschaft zählen werden und reichlich Gelegenheit zur Wieder- und Selbsterkenntnis haben.

Dabei gibt es viel zu lachen: über Situationskomik auf der Bühne, die Absurdität realer Verhältnisse (die Autoren stützten sich u.a. auf die Kamprad-Biografie von Bertil Torekull) und auch über das je eigene Verhältnis zur IKEA-Welt bzw. zur Welt als IKEA. Ironisch angespielt wird schließlich immer wieder die inbrünstige Überzeugtheit, ja Gläubigkeit des Kapitalisten Ingvar, die eigene Möbliermission betreffend. „Des Kapitalismus eingeborener Sohn“ („kapitalismens enfödde son”) tritt hier auf und verkündet seine Botschaft, die da lautet: Möbel für alle und alle für IKEA. Und wie groß die Familie dieses Namens wirklich ist, zeigt sich spätestens beim Tanz Ingvars mit „Daniel“ und „Rut“ – dem Wohnzimmerschrank und dem Sessel aus einer ehemals neuen Kollektion. – So rund läuft es also bei „INGVAR!“ Und wie sagt Erik Gedeon? „Kapitalismus und Religion haben viel gemein. Wenn man nicht dran glaubt, ist man draußen.“ (www.malmostadsteater.se)

Autor(in): Frank – fsommerkamp@gmx.de

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