Kurt Tucholsky und das Schloss Gripsholm

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1931 wird Kurt Tucholsky von seinem Verleger angefleht, eine Liebesgeschichte zu schreiben. Er antwortete daraufhin ironisch „Eine Liebesgeschichte? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch?“

Dennoch verfasste er eine heiter-melancholische Sommergeschichte vor der Kulisse des Schlosses Gripsholm.

Sie erzählt vom Urlaub des Ich-Erzählers mit seiner Freundin Lydia, genannt „die Prinzessin“, in Schweden. Dort suchen die beiden nach einer Unterkunft und stoßen dabei auf das Schloss Gripsholm. Die drei Wochen Aufenthalt werden luftig leicht im Roman beschrieben und das erotische Ménage á trois sinnlich erzählt –  allerdings durchzieht ein eher dramatischer Erzählstrang diese heile Stimmungswelt: Die beiden begnegnen auf einem Spaziergang einem kleinem Mädchen, das in einem Kinderheim lebt und sich tagtäglich mit der Leiterin und deren sadistischen Ausbrüchen ausgesetzt sieht. Mit großem Eifer beschließen sie die Rettung des Mädchens und scheuen keine Mühen, es nach Hause zu seiner Mutter in der Schweiz zurück zu bringen.

Diese Geschichte beschreibt in meinen Augen sehr schön die Sicht auf Schweden, wie sie viele Deutsche besitzen: Die schöne, heile Welt und das Bullerbü-Syndrom kommen zusammen – doch das Böse findet sich in dem ein oder anderen Krimi, im ein oder anderen dunklen Schatten Schwedens wieder.

Doch was bewegte Tucholsky zu dieser Erzählung, warum dieses Schloss?

Eine Rolle spielt seine Geliebte, Lisa Matthias, welche verschlüsselt in der Widmung zu finden ist – „Für IA 47 407“ – das Autokennzeichen Lisas. Mit Schweden verbindet den Autor ebenfalls einiges, was ihn zu der Entscheidung trieb, 1929 dorthin umzusiedeln. Zunächst fand er Unterschlupf im Haus Fjälltorp in Läggesta, was nahe des Schlosses Gripsholm liegt. Allerdings war diese Unterkunft nur temporär, sodass er eine stetige Bleibe suchte. Dieses fand er in einer kleineren Stadt nahe Göteborg. Nach seinem Tod kam er allerdings wieder in die Nähe von Gripsholm, da er auf dem Friedhof in Mariefred beerdigt wurde.

Doch trotz all dieser Parallelen ist es ein großes Anliegen Tucholskys, dass seine Erzählung nur wenig Autobiographisches enthält. So hat er selbst nie in Gripsholm gelebt und die meisten der Protagonisten sind erfunden und haben keinerlei Verbindungen mit wirklichen Personen. Auch Lisa Matthias nimmt beherrscht Abstand davon, als „Lottchen“ angesehen zu werden.

Also hält diese Geschichte dieses heitere, heile und unwirkliche fest, was uns nur zu gern Realität wäre. Irgendwie beschreibt sie unsere Gefühle, die wir oft in Bezug auf Schweden haben, außerordentlich gut. Wer in den Genuss dieser leichten Sommergeschichte noch nicht gekommen ist, kann sich im Herbst mit ein paar spätsommerlichen Zeilen aufwärmen.

Autor(in): Tanja Brodbeck – tanja.brodbeck@yahoo.de

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