„Kallocain“ – Die schwarze Utopie der schwedischen Autorin Karin Boye

"Kallocain. Roman från 2000-talet" erschien 1940 auf Schwedisch, 1947 erstmals in deutscher Übersetzung. (Foto: privat)

Am Ende sind auch die Gedanken nicht mehr frei: Der Staat wittert die Gefahr im Privatesten, das er mit Hilfe der Wissenschaften kontrollierbar und als Gedankenverbrechen justiziabel macht. Dass der Ausforschung des Delinquenten eine zu begründende Denunziation vorangehen soll, dient als bürokratische Hürde nur der Eindämmung des Bevölkerungsrückgangs durch die Zahl zu erwartender Todesstrafen: Der Verdacht wird zur Norm, der Verrat zur Pflicht. – Acht Jahre nach Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932) und acht Jahre vor George Orwells „1984“ (1948) hat die schwedische Autorin Karin Boye (1900–1941) in dem utopischen Roman „Kallocain“ ihr Szenario totaler Vergesellschaftung entworfen – wohl auch mit besorgtem Blick auf Verhältnisse in Schweden während des 2. Weltkriegs.

Die räumlich und zeitlich nicht lokalisierte Geschichte um das Wahrheitsserum Kallocain wird von dessen Erfinder, dem staatstreuen Chemiker Leo Kall, rückblickend erzählt; zum Zeitpunkt seines Berichts ist er schon Gefangener des „Universalstaates“, der konkurrierenden Supermacht. Schon Kalls „Weltstaat“ besaß totale Machtbefugnisse, die von perfekter Überwachung über Geburten- und Freizeitquoten bis zu staatlicher Dauerpropaganda reichten, und für die er seinen Untertanen (die sich nur als „Mitsoldaten“ anreden) eine ebenso perfekte Sicherheit versprach. Doch erst Kalls Erfindung ermöglicht es, Menschen zur Preisgabe geheimster und selbst unbewusster Gedanken und Gefühle zu zwingen. Kall selbst wendet sein Serum schließlich aus Eifersucht bei seiner Frau Linda an.

Karin Boyes Texte gehören zum Kanon der modernen schwedischen Literatur. Vor 90 Jahren (1922) debütierte sie mit dem Gedichtband „Moln“ (Wolken), dem zunächst weitere Lyrik, später Prosa folgte. Die Autorin war auch für linksgerichtete Zeitungen und Zeitschriften sowie als Literaturübersetzerin tätig und in der sozialistischen Clarté-Bewegung engagiert. Von einer Reise in die Sowjetunion kehrte sie enttäuscht zurück, im Berlin der 1930er Jahre erlebte sie das Erstarken des Nationalsozialismus. Und auch im Schweden der sogenannten Bereitschaftszeit herrschte damals eine oft von Angst, Unsicherheit und Misstrauen durchsetzte Atmosphäre – trotz der offiziell neutralen (bzw. nicht kriegführenden) Rolle des Landes. All diese Erfahrungen fließen ein in den 1940 erschienenen Roman „Kallocain“. Im April 1941 hat sich Karin Boye in einem Wald bei Alingsås das Leben genommen.

Die Karin-Boye-Statue vor der Stadtbibliothek in Göteborg (Foto: Harri Blomberg; commons.wikimedia.org CC BY-SA 3.0)

Im Roman deckt der Chemiker Leo Kall durch seine Tat keineswegs eine Affäre Lindas auf, sondern lernt vielmehr deren Träume von einer humanen, den Menschen nicht auf eine bloße Funktion im Staat reduzierenden Gesellschaft kennen. Ähnliches vertritt die Gruppe der „Toren“, deren Mitglieder den Glauben an einen inneren Kern menschlicher Freiheit teilen. Der eigentliche Effekt beim Einsatz des Serums besteht daher für die Untersuchenden im Erkennen einer anderen Wahrheit: Jeder der Untersuchten hat ein Geheimnis, eine Tiefe und damit: Individualität. Dieses Wissen wächst auch in Leo Kall und bedroht seinen Dogmatismus; die Okkupation durch den „Universalstaat“ trifft ihn deshalb in einem Moment der Freiheit, als er sich aus der unterirdischen „Chemiestadt“ an die Oberfläche stiehlt, den Himmel betrachtet und scheinbar am Beginn einer neuen Entwicklung steht. Die folgende Gefangenschaft aber unterscheidet sich im Grunde nicht von seinem vorherigen Leben.

Der Roman lässt sich – angesichts seines Erscheinungsjahrs 1940 – als pessimistische Vision einer Welt lesen, die der Utopie eines kollektiven Lebens in völliger Sicherheit die schlimmstmögliche Form gegeben hat. Betrachtet man zudem seinen Entstehungsort Schweden, kann der Text aber auch als zeitgenössische Warnung erscheinen, den Traum nicht zum Alptraum werden zu lassen.

Autor(in): Frank – fsommerkamp@gmx.de

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