Jazz aus dem Norden und der Welt: das Tingvall Trio

 

Das Tingvall Trio

Das Tingvall Trio, v.l.n.r.: Omar Rodriguez Calvo (b), Jürgen Spiegel (dr), Martin Tingvall (p). (Foto: Steven Haberland)

Skandinavischer Jazz hat einen guten Klang. Und mit den Titeln seiner bislang vier Alben, „Skagerrak“, „Norr“, „Vattensaga“, „Vägen“ (alle: Skip Rec.) signalisiert auch das Tingvall Trio deutlich seine Verbundenheit mit dem europäischen hohen Norden. Dabei ist die musikalische Ausrichtung der Gruppe vielfältig und ihre Zusammensetzung international: Zwischen Jazz und Rock vermittelnd und auf unterschiedlichen Traditionen aufbauend, arbeiten der Schwede Martin Tingvall (Klavier), der Kubaner Omar Rodriguez Calvo (Bass) und der Deutsche Jürgen Spiegel (Schlagzeug) gleich in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitend.

Dazu trägt neben der geografischen Herkunft der drei Musiker vor allem die Mischung verschiedener musikalischer Sozialisationen bei. So kam Martin Tingvall, der Gründer und Namensgeber des Trios, über Erfahrungen mit durchaus bodenständiger Rockmusik zum Jazz, auf den er aber keineswegs fixiert ist – eine programmatische Offenheit, die sich hörbar in seine Kompositionen und in sein Spiel mischt. Omar Rodriguez Calvo dagegen, der in Kuba u.a. klassische Musik, Kontrabass und populäre Musik studiert hat und seit langem in Deutschland lebt, blickt auf musikalische Projekte mit Künstlern wie Ramon Valle, Nils Landgren, Orange Blue, Roy Hargrove und dem Gateway Symphonieorchester zurück. Jürgen Spiegel wiederum kennt Berührungsängste weder gegenüber Pop, Rock oder Hiphop, hat etwa auch mit dem Ex-Helloween-Sänger Michael Kiske gespielt, komponiert selbst und hat u.a. auch Klavier studiert.

Im Tingvall Trio entsteht aus dieser Mischung eine höchst eigenständige und unverwechselbare Musik. Auf den am Klavier von Tingvall entwickelten melodischen Ideen, die lyrisch verspielt oder balladenhaft sein, sich aber auch druckvoll zu einem wahren Tastensturm entfalten können, basieren viele der Stücke, die übrigens fast alle schwedische Titel tragen. Aufgenommen und weitergetrieben werden die Melodielinien dann von den beiden kongenialen Partnern Omar Rodriguez Calvo und Jürgen Spiegel, deren rhythmischer Unterbau der Garant der oft enormen Dynamik ist, die das Trio, ganz besonders live, entwickeln kann. Auch diese organische Geschlossenheit erinnert unwillkürlich an das schwedische Esbjörn Svensson Trio, das von 1993 bis zum plötzlichen Tod des Bandgründers im Jahr 2008, erfolgreich den Begriff des Jazz in Richtung auf Rock, Pop u.a.m. erweiterte. Allerdings geht die Arbeit mit klanglichen Experimentalformen bei Tingvall und Co. zumeist nicht ganz so weit, was beileibe kein Manko ist. Im Gegenteil: Romantische Tendenzen und eine gewisse Erdung in volksliedhaften Traditionen Schwedens scheinen die Grundlage für die Zugänglichkeit, aber auch die Wärme dieser Musik zu bilden; sehr schön nachzuhören ist dies etwa auf dem jüngsten Album „Vägen“, das erstmals auch Instrumente wie Violine und Cello integriert.

Ansässig war die Band, die 2010 mit einem „Jazz-Echo“ und 2011 mit dem Hamburger Musikpreis „HANS“ ausgezeichnet wurde, von Beginn an in Hamburg, wo sie z.B. auch beim letztjährigen Elbjazzfestival vor großer Kulisse auftrat. Kaum einmal aber vergisst Martin Tingvall auf das südschwedische Snårestad hinzuweisen, seinen Rückzugsort, in dessen Abgeschiedenheit viele Songs entstehen, die diese Atmosphäre dann wiederum den Hörer nachempfinden lassen. – Eine Gelegenheit, das Tingvall Trio live zu erleben, gibt es in Kürze u.a. beim Festival JazzBaltica 2012.

www.tingvall-trio.de, www.jazzbaltica.de

Autor(in): Frank – fsommerkamp@gmx.de

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