Haparanda: Wo ein Golfball eine Stunde fliegt …

Loch 6, Abschlag mit einem Eisen 8. Der Ball fliegt in einer nahezu perfekten Kurve und landet eine Stunde später auf dem Green. Eine Stunde später?

Ja, richtig gelesen. Was klingt, als würde es allen Naturgesetzen widersprechen, ist auf dem 18-Loch-Kurs im nordschwedischen Haparanda täglich zu beobachten. Ein solcher Ein-Stunden-Schlag kann dort von jedermann bewerkstelligt werden – auch wenn er weder Kaymer noch Woods heißt. Allerdings nur am Loch 6. Wirken dort irgendwelche Zauberkräfte?

Mitnichten. Die Lösung des Rätsels ist denkbar einfach. Das schwedische Haparanda liegt am nördlichen Ende des bottnischen Meerbusens, direkt an der Grenze zu Finnland. Und bildet mit dem angrenzenden Tornio eine Zwillingsstadt. Der Austausch der beiden Städte ist rege, täglich überqueren die Einwohner wie selbstverständlich die Ländergrenze – zum Shoppen, Arbeiten, Freunde besuchen.

Da sich die beiden Städte als Einheit begreifen, werden auch kulturelle und touristische Projekte gemeinsam verwaltet. Und so lag es nahe, auch den Golfplatz gemeinsam zu betreiben. Der liegt nun jeweils zur Hälfte auf schwedischem und finnischen Boden. Am berühmten Loch 6 schlägt man in Schweden ab, der Ball landet jedoch in Finnland auf dem Green. Da Finnland in einer anderen Zeitzone liegt, kommt der eigentümliche Effekt zustande, dass es eine Stunde später ist, wenn der abgeschlagene Ball auftrifft

Noch kurioser wird es auf dem Weg zurück, wenn sich der Ball praktisch in eine Zeitschleife begibt, zurück in die Vergangenheit reist und eine Stunde früher in Schweden ankommt.

Solche „Zeitmaschinenschläge“ sind jedoch bei weitem nicht die einzige Besonderheit auf dem Kurs in Haparanda/Tornio. Da im Sommer die Sonne in Norrbotten nicht untergeht, hat auch der Golfplatz rund um die Uhr geöffnet. Wer also um drei Uhr nachts seinen Abschlag üben will, der kann das gerne tun. Und darf sich nicht wundern, wenn er Gleichgesinnte trifft. Jeden Sommer gibt es zudem ein 24-Stunden-Turnier, ein einmaliges Erlebnis unter der skandinavischen Mitternachtssonne.

Wie in Schweden kaum anders zu erwarten, liegt der Golfplatz eingebettet in wunderschöne Landschaft, umsäumt vom Torne älv, einem über 500 Kilometer langen Fluss, der hier in die Ostsee mündet. Und doch: Die Bedeutung, die der ungewöhnliche Golfplatz einnimmt, geht weit über kuriose Schläge in traumhafter Szenerie hinaus. Dazu lohnt es sich, noch einmal ins Stadtzentrum zu schauen.

Ein solches wird nämlich im Augenblick gebaut. Von beiden Städten gemeinsam, mitten auf der Ländergrenze. So entsteht ein weiteres genauso kurioses wie einmaliges Projekt: Ein Stadtzentrum, das sich zwei Städte teilen. Mit zahlreichen Geschäften, Wohnungen, Büros, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, die jeweils von beiden Seiten genutzt werden. Schon jetzt ist Haparanda die einzige Stadt in Schweden, in der man auch mit dem EURO bezahlen kann, der ja in Finnland Landeswährung ist.

Haparanda und Tornio sind also zwei europäische Vorzeigestädte. Hier ist der europäische Gedanke so lebendig wie kaum woanders. Und so wird der Golfplatz, den sich die beiden Städte teilen, zum Symbol der europäischen Einheit. Jeder Ball, der das Green an Loch 6 erreicht, macht deutlich, dass nicht nur Bälle Grenzen überwinden, sondern auch die Menschen. Selbst wenn es eine ganze Stunde kostet.

Autor(in): Sven Weiss – sv.weiss@gmx.de

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Weitere Beiträge