Gestatten: Aurora, Aurora borealis

Foto: Tierras Polares

Nordlicht, Polarlicht, Aurora borealis – das Lichterphänomen, das die frostkalte Nacht jenseits des Polarkreises erhellt und für dessen Anblick jährlich Scharen von Touristen lange Anreisewege und Temperaturen jenseits der minus 20 in Kauf nehmen, hat viele Namen. Dabei ist es, ehrlich gesagt, kaum mehr als ein kosmisches Emissionsprodukt. Verursacher ist die Sonne, die elektrisch geladene Teilchen ins Alle schleudert: Sonnenwind. Krumm, wie das elektromagnetische Feld ist, das die Erde umgibt, werden die Teilchen abgelenkt, rutschen gleichsam horizontal an ihm entlang in Richtung der Pole, wo es dann steil nach unten und – schwupp! – rein in die Atmosphäre geht. Dort kollidieren sie mit ansässigen Luftmolekülen, die verständlicherweise verstimmt reagieren und vor lauter Ärger anfangen zu leuchten. Et voilá: Aurora borealis, respektive Aurora australis, denn das stille Himmelsfeuerwerk gibt es auch im Süden zu bestaunen, zumindest theoretisch, in der Praxis steht die Logistik im Weg. Der weltweit südlichste Festlandspunkt ist das argentinische Ushuaia und das liegt, projizierte man es an die Nordhalbkugel, in ungefähr derselben Höhe wie Belfast in Irland. Vom Land aus ist das Südlicht also nur schwer zu sehen, man muss sich aufs Schiff begeben. Wozu aber, wenn man es im Norden so einfach haben kann?

Foto: Kiruna Guidetur

Der Nordlichttourist sollte seine Erwartungen allerdings nicht zu hoch hängen. Ein Himmelsspektakel in allen Formen und Farben, so wie es Fotos auf Postkarten und in Zeitschriftartikeln vorgaukeln, ist selten. Das häufigst zu sehende Nordlicht ist ein gänzlich unspektakuläres grünes aber eigentlich doch mehr graues Geschummer, das der Neuling überhaupt erst wahrnimmt, wenn der Experte mit dem Finger darauf zeigt. „Da.“

Nordlicht kann überwältigend sein, wenn man Glück hat, bzw. alle Faktoren günstig sind. Was Faktor Nr. 1, also die Stärke des intergalaktischen Niederschlags angeht, muss man sich nicht auf den Zufall verlassen, sondern kann die Vorhersage des Geophysischen Instituts im Internet konsultieren. Die Skala geht von eins bis neun, dabei ist schon eine Zwei ziemlich passabel, ab einer Drei weisen sich selbst Einheimische mit einem geraunten „Heute ein Dreier“ auf die Licht-Aussichten hin. Wie eine Neun aussieht, will man vielleicht lieber gar nicht wissen. Wer zu faul ist, jeden Tag nachzugucken oder kein Internet hat (ja, auch solche Menschen gibt es), kann für 4,95$/Monat den Space Weather Alert buchen und sich bei nahendem Elektronenansturm anrufen lassen. Kein Witz.

Foto: Kiruna Guidetur

Wichtig beim Nordlicht-Watching ist der richtige Ort, möglichst weit im Norden und möglichst weit weg von Städten und deren Lichtern. Auf einem Berg zum Beispiel, so wie die Aurora Sky Station im nordschwedischen Abisko. Hier hat man bei klarem Himmel sozusagen Nordlicht-Garantie. Und eine Webcam. Wer Kosten und Kälte einer Reise in den Norden scheut (oder sich im Norden befindet, aber abends seinen Hintern nicht vom Sofa hoch kriegt), der schaut sich das illuminative Happening, nur leicht verpixelt, eben am Bildschirm an.

Der letzte Faktor ist das richtige Timing. Ich z.B. habe mir neulich bei frischen minus 30 eine halbe Stunde lang Nase und Zehen für nichts abgefroren, nur um mir am Folgetag von Freunden anhören zu müssen, dass nur ein paar Minuten später der Himmel vor lauter Nordlicht nicht mehr aus noch ein gewusst hätte.

Was die Farbe angeht, ist das Nordlicht am häufigsten grün, seltener rot, am allerseltensten blau. Die Farbe hängt von der Art der Atome ab, die sich aufregen, bzw. von der Höhe, in der sie das tun. Und auch im Sommer gibt es Polarlicht, die Sonne schmeißt mir ihren Elektro-Teilchen das ganze Jahr um sich, bloß macht dann die Mitternachtssonne einen Strich durch die Observations-Rechnung.

Und so sehen Nordlichter aufgenommen mit der eigenen Digicam, ohne Stativ aus. Sprich, immer noch beeindruckend. Foto: Kelly Fryer

Von Sonnenwinden und elektro-magnetischen Feldern hatten unsere Vorfahren natürlich keine Ahnung. Dafür eine blühende Fantasie. Die Interpretationspalette der Himmelslichter reicht von Göttern auf ihrem Weg in die Schlacht, über verstorbene Jungfrauen und Totgeburten, die mit der Nachgeburt spielen bis hin zu Funken, die aus einem Fuchsschwanz stieben. Die Samen sahen in den Lichtern die Seelen Verstorbener, die mit einem Walrossschädel Fußball spielen und auf der Nunivak-Insel vor der Südwestküste Alaskas hielt man sie für Walrösser, die eben  dies mit einem Menschenkopf tun. Ausgleichende Gerechtigkeit. Und Maria war nicht die Erste, die einen ganz irdischen Fehltritt durch Überirdisches zu kaschieren versuchte. Im ältesten erhaltenen Dokument, in dem Nordlichter erwähnt werden, aus dem Jahr 2600 v. Chr. heißt es:
„Fu-Pao, die Mutter des Gelben Reiches Shuan-Yuan, sah es um den Stern Su im Sternbild Bei-Dou stark blitzen, sodass alles erleuchtet wurde. Daraufhin wurde sie schwanger.“
Frauen sollten beim Betrachten der Nordlichter also vorsichtshalber die Pille nehmen.

Apropos Zyklen: Auch die Sonne hat ihre. Schwach zu Beginn, läuft sie innerhalb von durchschnittlich elf Jahren zur teilchenschleudernden Hochform auf. Im Moment befinden wir uns im letzten Zyklusabschnitt, sprich, die Chancen auf nächtliche Lichtspektakel sind die nächsten fünf Jahre bestens.

Also: Hopp, hopp! – Koffer gepackt und Miss Aurora B. einen persönlichen Besuch abgestattet. Wenn es dann über einem in einer dieser klirrend kalten, sternenklaren Nächte vollkommen lautlos zu wabern beginnt, geraten Begriffe wie Sonnenwind und Magnetfeld ganz schnell in den Hintergrund. Lieber hält man es mit den mysthischen Vorstellungen der Ahnen oder denkt überhaupt nicht und ist einfach: beeindruckt.

Links:
Aurora Vorhersage des Geophysischen Instituts
Live-Kamera der Aurora Sky Station in Abisko
Telefonischer Space Weather Alert

Autor(in): Silke Gersdorf – silke.gersdorf@web.de

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