Den norddeutsche Kaufleute, die sich ab dem 12.
Jahrhundert in Schweden niederließen. folgten bald in großer Zahl deutsche
Handwerker, Bergleute, Adelige, Landsknechte, Bauleute, Beamte und
Kunsthandwerker.
Die Einwanderung aus Deutschland, v.a. aus Lübeck, aber auch
aus Westfalen und vom Niederrhein, war so groß (größer übrigens als in Dänemark
und Norwegen), dass in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts etwa die Hälfte
der Bürger einer durchschnittlichen schwedischen Stadt Deutsche waren. Mit
deutscher Hilfe entwickelten sich Orte wie Kalmar, Söderköping, das
neugegründete Stockholm, Linköping, Jönköping, Örebro, Västerås, Visby oder
Uppsala zu Städten nach deutschem Vorbild mit fester Bauweise, Straßennetz und
Plätzen, Stadtmauern und Wallgräben. Stockholm beispielsweise, wo der deutsche
Einfluss insgesamt am größten war, ist auffällig geplant wie Stralsund.
Bürgerhäuser und Stadtkirchen wurden nach norddeutschen Vorbildern erbaut und
die Stadtverwaltung war nach deutschem Vorbild organisiert.
Mitte des 14.
Jahrhunderts sah sich Magnus Eriksson in seinem Stadtrecht dazu genötigt,
festzulegen, dass Deutsche höchstens die Hälfte der Sitze im Stadtrat und
anderer Vertrauensposten in schwedischen Städten innehaben dürften. Als jedoch
1397 in Kalmar die gleichnamige Union der drei nordischen Länder beschlossen
wurde, saßen im Stadtrat fünfmal so viele Deutsche wie Schweden. Und auch in
Stockholm wurde diese 50:50-Aufteilung bis 1436 zugunsten der Hanseaten
missachtet. Allerdings war es nicht immer ganz einfach zu sagen, wer Deutscher
und wer Schwede war, da sich die Deutschen gut assimilierten und manchmal
schwedische Namen annahmen. Der schwedische Freiheitskämpfer Engelbrekt
Engelbrektsson etwa war Schwede mit deutschen Wurzeln.
Bis ins 15.
Jahrhundert bestand in der politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht
schwedischer Städte ein deutsches Übergewicht. Von der schwedischen Bevölkerung
waren es sicher hauptsächlich die oberen Schichten, die in direkten Kontakt mit
den Deutschen kamen, dafür hatten diese Schichten wirtschaftlich, politisch und
kulturell großen Einfluss.
Während der Hansezeit kamen vier schwedische
Regenten aus Deutschland: Albrecht von Mecklenburg (1363–89), Erik von Pommern
(1396–1439), Kristofer von Bayern (1441–1448) und Kristian von Oldenburg
(1457–1464). Unter der Regierung König Albrechts war der deutsche Einfluss in
Schweden am stärksten. Das Landesrecht König Kristofers von Bayern (Kristofers
landslag) war von 1442 bis 1736 Schwedens offizielle
Gesetzessammlung.
Ende des 13. Jahrhunderts wurde der industrielle
Bergbau und die kommerzielle Vermarktung von deutschen Spezialisten organisiert.
König Magnus Ladulås hatte eigens Deutsche, v.a. aus dem Harz, geholt, um die
schwedischen Erzschätze durch verbesserte Technik und einen planmäßigen
Grubenbetrieb abzubauen. Das Kapital dafür kam aus Lübeck.
Auf
handwerklichem Gebiet brachten die Deutschen neue Methoden und neue Berufe nach
kontinentalem Vorbild nach Schweden. Zudem wurde das gesamte schwedische
Zunftwesen nach deutschem Muster organisiert.
Im 15. Jahrhundert war die
Menge hanseatischer Kunst in Skandinavien umfangreicher als etwa italienische im
Deutschland des 16. Jahrhunderts. So wurde beispielsweise der Altar des damals
berühmten Birgittenklosters in Vadstena, das sicherlich ein künstlerisches
Strahlungszentrum für ganz Schweden war, 1455 bis 1459 von Lübecker Künstlern
geschaffen. Und der Kirchenmaler und Bildhauer Bernd Notke aus Lübeck schloss
1489 seine Arbeit an der berühmten St. Georgsgruppe ab, die damals sicherlich
der größte zu vergebende Auftrag in Schweden war.
Die Bedeutung der
Deutschen auf allen Gebieten, brachte einen grundlegenden Einfluss auf die
schwedische Sprache mit sich. Niederdeutsch galt als vornehm, schick und modern
und war in ganz Nordeuropa die lingua franca.
Zwar studierten auch schon
im 14. Jahrhundert vereinzelt skandinavische Studenten an deutschen
Universitäten (Prag, Erfurt), als 1419 jedoch die Universität in Rostock
gegründet wurde, avancierte diese schnell zur Hauptbildungsstätte der
Oberschicht in Skandinavien. Ab 1456 war vor allem für Schweden auch die
Universität Greifswald von Bedeutung. Auch nach der Gründung der ersten
schwedischen Universität in Uppsala 1477, blieb ein Studium an einer der beiden
norddeutschen Hochschulen die Regel für alle weiterstrebenden jungen Kräfte
Skandinaviens.
In schwedisch-lübecker Zusammenarbeit kam Gustav Wasa, der
sich 1519–20 in Lübeck aufgehalten hatte, 1523 auf den schwedischen
Thron.
Die Jahre 1538–43 werden aufgrund des starken deutschen Einflusses oft
auch „Deutsche Periode“ genannt. Wasa holte sich in dieser Zeit politisch
erfahrene Ratgeber und Mitarbeiter aus Deutschland, die seine Politik
ideologisch und organisatorisch beeinflussten. Die Deutschen gründeten Ämter und
Kollegien und auch die Außenpolitik war stark deutsch geprägt.
Im
Hinblick auf die Reformation ist ein deutscher Einfluss natürlich zu erwarten.
So hatte der schwedische Reformator Olaus Petri (Olov Petersson) 1516–18 als
Schüler Luthers, wie sein Bruder, der erste lutherische Erzbischof von Uppsala,
in Wittenberg studiert. Außerdem wurde die evangelische Bewegung in Stockholm
zuerst von der deutschen Be¬völ¬kerung aufgenommen. Reformatorische Schriften
waren darüber hinaus oft Übersetzungen aus dem Deutschen.
Schweden hat
noch das ganze 16. Jahrhundert hindurch von deutschem Gedankengut, v.a. dem
Luthers, gelebt. Die schwedischen Bibelübersetzungen des 16. Jahrhunderts
folgten im Wesentlichen der Übersetzung Luthers und daneben wurden sein
Katechismus, seine Kirchenlieder und Kirchenpostillen ins Schwedische
übertragen.
Daneben traten viele deutsche Bürgersöhne in den Dienst der
Kirche und hatten als Priester und Bischöfe großen kulturellen
Einfluss.