25 Jahre Mord an Olof Palme: Teil I – Protokoll der Tat

Olof Palme war von 1969–1976 und 1982–1986 schwedischer Ministerpräsident. Foto: wikipedia-user oiving

Es ist eines der großen ungeklärten Rätsel unserer Zeit. Nun jährt sich das Attentat auf Olof Palme zum 25. Mal.

Die zwei Schüsse, die am Abend des 28. Februar auf dem Sveavägen in Stockholm fielen, markieren eine Zeitenwende in der neueren schwedischen Geschichte. Denn getroffen wurde damals nicht nur der amtierende Ministerpräsident, sondern auch die schwedische Seele. Bis heute hat sich Schweden nicht von diesem Trauma befreit. Wie auch, wenn weiterhin die zentrale Frage offen bleibt: Wer war der Mörder?

Um zu verstehen, wie tief die Tat das Selbstverständnis des schwedischen Volkes erschütterte, lohnt es sich, die letzten Stunden Olof Palmes etwas genauer zu beleuchten:

Gegen 20:40 Uhr verlassen Palme und seine Frau Lisbet ihre Wohnung in der Västerlånggatan Nr.31 in Gamla Stan, dem pittoresken Altstadtviertel von Stockholm. Ihr Ziel ist das Kino Grand am Sveavägen, wo sie zusammen mit ihrem Sohn Mårten und dessen Freundin Ingrid den Film „Die Gebrüder Mozart“ ansehen wollen.

Bereits am Vormittag hatte der Ministerpräsident seinen Leibwächtern frei gegeben. Palme hasste große Sicherheitsvorkehrungen, er wollte sich bewegen können wie ein ganz normaler Bürger. Besonders wenn er rein privat unterwegs war, wie an jenem Februarabend, der sein letzter werden sollte.

Wie selbstverständlich nehmen die Palmes die U-Bahn. Von der nächstgelegenen Haltestelle, Gamla Stan, sind es drei Stationen bis zur Rådmansgatan, wo das Paar wieder aussteigt und den kurzen Weg zum Grand zu Fuß zurücklegt. Dort stellt sich Palme in die Schlange, um die vorbestellten Karten abzuholen.

Man stelle sich Ähnliches in Deutschland vor: Ein Kanzler, der an einem Freitagabend mit der U-Bahn ins Kino fährt, sich brav in die Schlange einreiht und Karten holt – alles mitten in der City. Bei uns wohl undenkbar, in Schweden dagegen war es zu dieser Zeit durchaus normal, Politiker auf der Straße zu treffen.

Das Kino „Grand“ am Sveavägen. Foto: Tage Olsin

Kurz nach 23:00 Uhr ist der Film zu Ende, die Palmes verlassen das Kino und trennen sich nach einem kurzen Plausch von Mårten und Ingrid, um wieder Richtung U-Bahn zu schlendern. Auf Höhe der Adolf Fredriks-Kirche überqueren die beiden die Straße, Frau Palme will sich noch das Schaufenster der Boutique „Saris“ anschauen. Dann geht es weiter Richtung U-Bahn.

Als die beiden das Tapetengeschäft Dekorima passieren, löst sich eine Gestalt aus dem Dunkel des Ladeneingangs. Es ist exakt 23:21 Uhr. Der unbekannte Mann geht ein paar Schritte hinter den beiden, dann fasst er Olof Palme an der Schulter, zieht einen Revolver und feuert zweimal. Eine Kugel trifft den Ministerpräsidenten in den Rücken, schlägt durch das Rückgrat und die Hauptschlagader, zerfetzt Speise- und Luftröhre. Die zweite Kugel streift Lisbet Palme, ohne größeren Schaden anzurichten.

Nun passiert etwas Seltsames. Der Mörder geht in aller Seelenruhe um den inzwischen am Boden liegenden Olof Palme herum, schaut den Sterbenden einige Sekunden an, bevor er sich in eher gemächlichem Tempo vom Tatort entfernt. Er biegt in die direkt angrenzende Tunnelgatan ein, eine enge, schwach beleuchtete Straße, die auf eine steile Treppe mit 89 Stufen zuführt.

Spaziergänger betrachten die Gedenktafel am Tatort. Foto: Bernt Sønvisen

Inzwischen setzen Zeugen die ersten Notrufe ab. Um 23:23 Uhr geht die Meldung bei der Einsatzzentrale der Stockholmer Polizei ein. Ein Taxifahrer hatte den Überfall bei seiner Zentrale gemeldet. Um 23:24 kommt der erste Polizeiwagen am Sveavägen an.

Trotz allem wurde wertvolle Zeit verloren. Denn bereits um 23:22 hatte ein Autofahrer den Notruf ausgelöst. Er hatte beobachtet, wie Palme zu Boden ging, und darauf per Autotelefon versucht, die Notrufzentrale zu erreichen. Doch niemand nimmt ab. Nachdem er es einige Male hatte klingeln lassen, legt er wieder auf.

Warum sind diese Sekunden so wichtig? Zur gleichen Zeit befindet sich eine Polizeistreife auf der Malmskillnadsgatan, just der Straße, die die Tunnelgatan und damit den Fluchtweg des Mörders kreuzt. Nicht unwahrscheinlich, dass die Polizisten in jenem Wagen den Täter hätten abfangen können. Bei rechtzeitiger Alarmierung wohlgemerkt.

Es ist die erste in einer langen Reihe von peinlichen Pannen, die die Jagd nach dem Palme-Mörder kennzeichnen sollten.

In Teil II: Die Suche nach dem Täter

 

Autor: Sven Weiss – sv.weiss@gmx.de

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